Corona macht tief sitzende Probleme noch sichtbarer!: …und was ist mit den Kindern?

  • Veröffentlicht am: 11. Mai 2020 - 16:40
Eltern in der Dauerschleife

Deutschland steht beim Thema Digitalisierung generell vergleichsweise schlecht dar. In Corona-Zeiten bedeutet dies aufwendigeres Home Schooling, schlechterer Zugang zu öffentlichen Ämtern und fehlende Strukturen für die effektive Nutzung digitaler Möglichkeiten, sei es bei der Polizei, bei Hilfsangeboten wie Beratungsstellen oder ähnlichem. Besonders beim Home Schooling hätte eine fortgeschrittenere Digitalisierung für Erleichterung bei Kindern und Eltern sorgen können, aber auch Isernhagens Schulen sind auf dem Gebiet leider keine Vorreiterinnen.

Wir sind weit entfernt davon, uns von traditionellen Geschlechterklischees zu lösen: Es wird erwartet und als normal betrachtet, dass Frauen weitaus mehr unbezahlte Care-Arbeit in der Familie übernehmen, also jene Sorgearbeit zuhause, die die Pflege von Kindern und alten Menschen beinhaltet. In Corona-Zeiten ist es laut Umfragen selbst bei Familien, die sich vom antiquierten „Mann arbeitet, Frau erzieht Kinder“-Modell losgelöst hatten, wieder so, dass es mehrheitlich Frauen sind, die Arbeit, Home Schooling und Kleinkindbetreuung gleichzeitig jonglieren.

Und dann sind da noch die Kinder. Die Stimmen der Kinder werden ohnehin selten gehört bei uns, die Fridays-For-Future Bewegung hatte dies gerade endlich und erstmalig zaghaft geändert. In Corona-Zeiten sind Kinder – und oft auch die Eltern – aber noch weitaus schlechter dran als sonst.

Wer die Lokalnachrichten in den letzten Wochen verfolgt hat, weiß, dass es in Isernhagen extrem an Hortplätzen mangelt. Auch die Krippen- und Kindergartenplätze werden – mindestens bis zur Eröffnung des Birkenwäldchens frühestens im November 2020 – der Nachfrage bei weitem nicht genügen. In Corona-Zeiten gibt es einfach gar keine Betreuung mehr. Natürlich fällt es den Kleinsten am schwersten, sich an Abstandsregeln zu halten. Aber das Problem muss nicht nur sichtbar gemacht sondern auch angegangen werden, denn manche Kinder und Eltern leiden momentan ganz gewaltig.

Es gibt gleich mehrere problematische Punkte: Die KiTas sind wahrscheinlich (mindestens) bis zum 31.08.2020 geschlossen, Notbetreuung ist nur für systemrelevante Berufe bzw. Berufe, die von allgemeinem öffentlichem Interesse sind, reserviert. Dies ist (zum jetzigen Stand) merkwürdig definiert: Noch zählen z.B. Lehrkräfte und Erzieher*innen in Niedersachsen nicht dazu, sie sollen aber die Kinder der Menschen mit solchen Berufen betreuen – ohne ihre eigenen Kinder unterbringen zu können. Die Schulen öffnen langsam, aber längst nicht für alle. Eltern sind gezwungen, ihre Kinder selbst zu unterrichten – ob sie auch 50, 75, oder 100% arbeiten, im Home Office oder nicht, ob sie noch Säuglinge, Kleinkinder oder alte Menschen zu versorgen haben, interessiert dabei nicht. Lehrkräfte sind unter Druck, den regulären Stoff durchzunehmen, ohne den Schülerinnen und Schülern wie gewohnt persönlich helfen zu können.

Die Folgen: die Schere zwischen leistungsstärkeren und leistungsschwächeren Kindern öffnet sich weiter. Eltern, die selbst keine oder eine kürzere Schulausbildung hatten, fällt es viel schwerer, ihren Kindern zu helfen. Internet und Computer oder zumindest Smart Phone sind nicht in jeder Familie für jedes Kind verfügbar, um die Anforderungen der Lehrkräfte zu erfüllen. Eltern, die nicht im Home Office arbeiten können, verlieren ihre Jobs, die Armut wächst. Der Druck in den Familien, Arbeit, Schule und Kleinkindbetreuung gleichzeitig zu leisten, führt nicht selten zu extrem angespannten Situationen bis hin zu häuslicher Gewalt, hauptsächlich gegen Frauen und Kinder – und die Beratungshotlines sind teils überlastet, Frauenhäuser überfüllt.

Die schrittweise Lockerung der Maßnahmen lässt Kinder außen vor. Hannovers und Isernhagens Einkaufszeilen durften öffnen, Spielplätze bislang nicht. Zwei Erwachsene aus unterschiedlichen Haushalten dürfen zusammen spazieren gehen, zwei Erwachsene aus unterschiedlichen Haushalten mit zwei Kindern nicht (Stand 28.04.2020). Besonders wenn man in Isernhagen lebt, wo Spielplätze sowieso fast nie auch nur annähernd “gut gefüllt” sind – im Gegensatz zu manchen Läden – und sich zudem naturgemäß an der frischen Luft befinden, scheinen diese Entscheidungen schon fast bizarr.

Natürlich geht es um die Unterbrechung von Infektionsketten und um Abstandsregeln. Aber können wir bitte eine Diskussion darüber starten, was trotzdem möglich ist? Können wir erfinderisch werden? Können wir darüber diskutieren, Notbetreuungen zu erweitern, bis ans Limit auszureizen, Alleinerziehenden zu helfen und besonders auch den Kindern, die es zuhause gerade gar nicht gut haben? Anstatt einfach alle Kinder völlig aus dem öffentlichen Leben zu streichen? Und sie ihrem Schicksal zu überlassen und uns später zu wundern, dass es so einige Kinder geben wird, die körperliche und/oder seelische Schäden davontragen werden? Wenn wir uns wirklich Gedanken machen, genauso viel um die Kinder wie um die Wirtschaft und um die ältere Generation, dann werden wir Wege finden, die Situation erträglicher zu machen. Ob es Menschen sind, die sich zusammen tun und abwechselnd Kinder betreuen (momentan in der Diskussion, ob dies erlaubt werden soll), oder ob wir protestieren gegen die momentanen Bestimmungen: Lasst uns Solidarität zeigen mit denen, die es besonders jetzt so dringend brauchen: Mit den Isernhagener Kindern und ihren Familien.

                                                                                                                                             Gretha Burchard